Freitag, 1. Juli 2016

Durchgelesen

Rezension zu Dem Abgrund so nah von Jessica Koch



Seitenzahl: 308 Seiten
Format: Ebook
Preis: nicht bekannt
ISBN eBook: 978-3-945362-20-4
Band 2
Hinweis: Die Rechte für das Buch wurden vom Rowohlt-Verlag aufgekauft. Hier erscheint das Buch im Oktober als Taschenbuch für 9,99 Euro mit einem Umfang 448 Seiten.





Inhalt:

Es passiert an dem Tag, an dem der Hund verschwindet. Danny möchte Rex suchen gehen, doch Vater und Mutter verbieten dem Jungen bei Nacht das Haus zu verlassen. In einer Sekunde reißt der Junge sich los, in der nächsten stürzt die schwangere Mutter, die den Sohn halten will, die Treppe herunter und verliert hierbei ihr Kind.
Seit diesem Tag ist nichts mehr, wie es einmal war. Marina, so der Name der Mutter, flüchtet sich in ihre eigene Welt. Sie verdrängt die Realität, in der der Vater dem Alkohol verfällt und sich an dem eigenen Kind vergreift. Der Vater windet sich in Ausflüchten: Er hatte selbst eine schlechte Kindheit, hinzu kommt der Verlust des Kindes und der Umzug von Amerika ins verhasste Deutschland; einige der Ausreden, mit denen er seine Verfehlungen rechtfertigt. Für Danny bricht eine Zeit an, in der er um sein Leben fürchten muss, in der er Schreckliches über sich ergehen lassen muss. Keiner scheint zu sehen, was in der Familie passiert. Alle wollen in einer heilen, perfekten Welt leben. Realitätsverdrängung und Lügen umgeben den Jungen. Doch Danny kämpft. Kleine Triumphe sind es, die ihn stützen. Seine Fantasie, in die er sich in schlimmen Momenten flüchtet, ermöglicht einen Exit aus der Realität. Nicht nur einmal muss er um sein Leben fürchten. Dies ist die Vorgeschichte zu „Dem Horizont so nah“.



Wichtigste Charaktere:

Aiden ist unzufrieden. Der Umzug nach Deutschland hat seine Wünsche und Träume zerstört. Er verfällt dem Alkohol und wird rückfällig: Seine sexuelle Neigung zu minderjährigen Jungen gewinnt die Oberhand.

Marina leidet unter Realitätsverlust. Sie hat Angst vor dem eigenen Mann und auch vor der Zukunft. Der Verlust des ungeborenen Kindes macht ihr schwer zu schaffen. Die Ehe ist längst zerrüttet.

Danny ist der einzige in der Familie, der anfangs noch in der Lage ist, die Realität zu sehen. Er besitzt einen unglaublichen Kampfeswillen und muss eine unglaubliche Kraft an den Tag legen, um das zu verkraften, was der Vater ihm tagtäglich antut.



Schreibstil:

Jessica Koch wagt sich mit Band zwei der Lebensgeschichte ihres ehemaligen Freundes Danny an ein sehr schweres Thema. Bereits Leser von „Dem Horizont so nah“ wissen, dass die Autorin kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie wagt sich auch an Tabuthemen und geht ins Detail. Sie weiß Leser mit den Geschehnissen emotional zu berühren, zu schockieren und in Wut zu versetzen.

Dieses Buch rüttelt wach. Es ist von der ersten bis zur letzten Seite bewegend. Der Leser taucht hier in die Kindheit von Danny ein, der von seinem Vater missbraucht und misshandelt wurde und dessen Mutter die Realität mithilfe von Ausreden und Lügen verdrängt hat.

Wurden einige Szenen in „Dem Horizont so nah“, wie zum Beispiel der Verlust des Hundes als Kindheitserfahrung erwähnt, so bekommt man als Leser hier eine Antwort, wie genau sich alles zugetragen hat. Man erfährt, welche Ursache Dannys Panikattacken haben, warum er Möbel zusammenschlägt, um seine Wut in den Griff zu bekommen oder warum er niemals dicke Kleidung trägt.

Mit gelegentlichen Einblicken in die Perspektive des Vaters, gelingt es der Autorin die Sicht eines Mannes an den Leser zu vermitteln, der seine sexuellen Obsessionen nicht im Griff hat. Der Verlust seines ungeborenen Sohnes, der Umzug ins verhasste Deutschland, die damit verbundenen Änderungen und der damit einhergehende Kontrollverlust, lassen den Mann wieder zum Alkohol greifen. Der Alkohol sorgt für den Verlust von Hemmungen und was danach kommt, ist schrecklich und schockierend zugleich.

Jessica Koch taucht sehr tief in die Gedankenwelt ihrer Protagonisten ein. Ihr gelingt es, soweit machbar, die Beweggründe der Charaktere glaubhaft darzustellen. So fühlte sich die Mutter in Amerika nicht wohl und verlangte mit Nachdruck den Umzug nach Deutschland zu ihrer Mutter. Der Vater verließ die geliebte Heimat seiner Frau zuliebe und tauschte ein nahezu perfektes Leben gegen ein schlechteres ein. Die Schwangerschaft mit einem weiteren Sohn ist für beide Elternteile ein sehr wichtiges Ereignis.
Nicht nur einmal schlägt das Schicksal hier unerbittlich zu: Die Mutter verliert das Kind und verdrängt die Trauer. Der Vater nutzt die Situation aus. Malt mit Lügen ein Bild, an das schließlich beide glauben wollen. Lediglich Danny kämpft mit seiner Wut und seinem Realismus gegen diese Fiktion an. Doch irgendwann droht auch seine Kraft zu versagen.

Der Leser wird nicht nur an einer Stelle hoffen, dass Danny einen Ausweg aus der Situation findet. Er wird auch darüber nachdenken, welchen Weg die Mutter hätte gehen können. Die Drohungen und Lügen des Vaters haben eine unglaubliche Macht. Die Mutter ist schwach und wagt den Ausbruch aus ihrer Welt trotz Bedenken nicht.

„Dem Abgrund so nah“ ist die Vorgeschichte zu „Dem Horizont so nah“. Dieser Teil kann auch vom Erscheinungsdatum unabhängig, vor dem Erstlingswerk der Autorin gelesen werden.

Dieses Buch enthält zu Anfang eine Triggerwarnung: Bei Menschen mit ähnlichen Erfahrungen kann das Buch zu einer Retraumatisierung führen. Diese Warnung ist berechtigt. Sehr detailliert beschreibt die Autorin Szenen und Erlebnisse. Auch sensible Leser sollten sich gut überlegen, ob sie in diese Geschichte eintauchen wollen. Ich würde dieses Buch nur an Leser über 18 Jahren empfehlen.
Der sexuelle Missbrauch des Vaters am Kind wird hier detailliert beschrieben!



Fazit:

In „Dem Abgrund so nah“ erzählt die Autorin die erschütternde und schockierende Kindheitsgeschichte ihres ehemaligen Freundes Danny. Die Autorin nimmt kein Blatt vor dem Mund. Der Leser muss sich hier mit Missbrauch und Misshandlung eines Kindes auseinandersetzen. Als hilfloser Betrachter wird er schockiert sein, er wird nicht nur einmal mit dem Protagonisten vor der Situation davonlaufen wollen.

Dieser Roman ist harter Stoff, der zum Nachdenken anregt, der schockiert und gleichermaßen wachrüttelt, der auffordert nicht die Augen zu verschließen und der Mut und Kraft einfordert.



Buchzitate:

Was ist nur los mit dir?“, fragte sie erstaunt. „Ständig provozierst du Streit.“ - „Indem ich die Wahrheit sage?“

Sie waren wie Puppen in einem Theater, die für die Zuschauer zu tanzen hatten.

Wir erzählen uns dieselben Geschichten immer und immer wieder, bis wir vergessen, dass es Lügen sind ...“



Kurzgefasst:

Spannung/Action:






Charaktere:

 




Handlungsstrang:






Schreibstil:






Im Gesamtpaket:






Ich danke der Autorin und dem Verlag herzlichst für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars

Kommentare:

  1. Hallo Tanya,

    ich habe nach deiner Empfehlung nun endlich mit "Dem Horizont so nah" angefangen. Ich kann deine Begeisterung dafür jetzt wirklich verstehen. Wenn ich damit fertig bin, muss ich "Dem Abgrund so nah" auch unbedingt noch lesen.

    Liebe Grüße
    Tina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Tina,

      ich freue mich, dass du dich an die Geschichte herangewagt hast und dass dir das Buch auch so sehr gefällt.

      Bevor ich mit "Dem Abgrund so nah" angefangen habe, war ich mir nicht ganz so sicher, ob nicht schon der Großteil mit "Dem Horizont so nah" erzählt wurde, zumal die Autorin die Kindheit von Danny ja "nur" aus Erzählungen kennt.
      Ich muss aber sagen, dass mich der zweite Band vielleicht sogar noch einen Tick mehr mitgenommen hat. Er ist definitiv keine leichte Kost. Ich war wütend, ich habe sehr viel nachgedacht und ich wollte nicht nur einmal in die Geschichte eingreifen.
      Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung zu dem Buch.

      Ganz liebe Grüße Tanja :o)

      Löschen