Rezension zu Tokioregen von Yasmin Shakarami
Verlag: cbt
Seitenzahl: 400
Format: Taschenbuch
Preis: 12,00 Euro
Altersempfehlung des Verlages: Jahre
ISBN: 978-3-570-31706-8
Abgeschlossene Erzählung
Inhalt:
Malu hat unfassbares Glück: Sie ergattert nicht nur einen der drei begehrten Plätze für ein Austauschjahr in Japan, sondern erhält sogar den einzigen Platz bei einer Gastfamilie in Tokio. Für sie geht damit ein großer Traum in Erfüllung. Denn seit einem schweren Schicksalsschlag vor zwei Jahren hat sich zu Hause für Malu und ihre Familie alles verändert. Japan war für sie lange ein Sehnsuchtsort, eine stille Zuflucht. Und nun ist dieses Land nicht mehr nur ein ferner Traum, sondern Realität. Die Reise nach Tokio bedeutet für Malu nicht nur ein großes Abenteuer, sondern auch die Hoffnung auf Veränderung.
Doch als sie sich schließlich im betriebsamsten Bahnhof der Welt wiederfindet, überkommt sie Panik. Tokio ist riesig. Tokio ist atemberaubend. Tokio ist überwältigend. Und Tokio ist so weit weg von zu Hause.
Die Angst legt sich jedoch schnell, als Malu ihre Gastfamilie kennenlernt. Innerhalb kürzester Zeit prasseln so viele neue Eindrücke auf sie ein, dass sie kaum weiß, wie sie all das verarbeiten soll. Ihre Gasteltern sind herzlich, fürsorglich und ein wenig schrullig. Sie sind stets bemüht, Malu jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Ist ihr zu heiß, wird sie kurzerhand mit einem „Survivalpaket“ versorgt: ein pinker Sonnenhut (der bald zu Malus Markenzeichen wird), ein Handventilator, Sonnencreme und vieles mehr.
Auch die Kinder der Familie sind besonders. Ava, die ältere Tochter, begegnet Malu zunächst kühl und abweisend. Der zehnjährige Haru hingegen ist warmherzig und offen. Trotz Avas schroffer Art beginnt Malu, sich langsam in der Familie einzuleben. Ava zeigt ihr die Schule und führt sie durch einige Ecken Tokios.
Bei einem gemeinsamen Ausflug in den Yoyogi-Park treffen sie auf Kentaro, einen Jungen, der gedankenverloren auf einer Mauer sitzt und in sein Skizzenbuch zeichnet. Ava stellt ihn vor, und Malu bemerkt sofort, wie nervös ihre selbstbewusste Gastschwester in seiner Nähe wirkt. Auch Malu ist fasziniert von dem verträumten, tätowierten Jungen, der sie mit einer höflichen Verbeugung begrüßt.
Dieses erste Treffen bleibt nicht das letzte. Mit ihrer offenen, ehrlichen und manchmal unbeholfenen Art hinterlässt Malu schnell Eindruck. So auch bei Kentaro. Während sie erfährt, dass Ava heimlich für ihn schwärmt, merkt Malu selbst, wie sehr er sie anzieht. Sie steckt in einer Zwickmühle: Darf sie ihren Gefühlen nachgeben, wenn sie damit in Konkurrenz zu ihrer Gastschwester tritt?
Kentaro zeigt Malu die vielen Facetten Tokios, erzählt ihr von Legenden und entführt sie in seine Traumwelt. Und ehe sie es begreift, hat Malu ihr Herz verloren.
Doch dann geschieht eine Katastrophe, die ganz Tokio erschüttert. Und Malu muss erneut fürchten, das zu verlieren, was ihr gerade erst so sehr ans Herz gewachsen ist.
Meinung:
„Tokioregen“ ist ein ganz besonderes Buch, eine Geschichte, so lebendig wie die Stadt, in der sie spielt. Sie berührt, hallt lange nach. Es ist eines dieser Bücher, die man am liebsten direkt nach dem Zuschlagen noch einmal von vorne beginnen möchte.
Ich weiß kaum, wo ich mit dem Schwärmen anfangen soll. Vielleicht bei Tokio selbst. Yasmin Shakarami gelingt es meisterhaft, von der ersten Seite an ein Gefühl für diese Stadt zu vermitteln. Neonlichter an jeder Ecke, ein Bahnhof mit 53 Gleisen und über 200 Ausgängen, schwarze Spiegelglas-Wolkenkratzer. Tokio wird hier zu einem eigenen, pulsierenden Charakter.
Ich konnte Malus Überforderung und Hilflosigkeit sofort nachempfinden. Die Reizüberflutung, das Gefühl, verloren zu sein, so weit weg von zu Hause, all das war beim Lesen spürbar.
Gemeinsam mit Malu erkunden wir die Stadt: nachts mit Ava, wenn Tokio fast magisch wirkt, Laternen den Asphalt in flimmerndes Licht tauchen und sich die Neonfarben der Wolkenkratzer am Himmel spiegeln. Wir staunen über die Technik in der Schule, über automatische Glastüren, sprechende Spinde, Rolltreppen und zahllose Automaten.
Mit Kentaro taucht Malu noch tiefer in Tokio ein: Sie besucht eine Butō-Tanzaufführung, muss beim Karaoke über ihren Schatten springen, erlebt Kabukicho, überquert die Shibuya Crossing, badet in einem Onsen und lernt Legenden, Traditionen und Werte kennen.
Japanische Begriffe und Mythen werden ganz selbstverständlich eingeflochten und verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe. Ich habe all diese Eindrücke regelrecht aufgesogen.
Doch nicht nur die Stadt, auch die Figuren wachsen einem schnell ans Herz. Die Gastfamilie ist liebevoll, schrullig und einzigartig. Ava mit ihrem Killeragentinnen-Outfit, ihre extravagant gekleideten Freunde, Malu mit ihrem ungeliebten pinken Sonnenhut ... jede Figur hat ihre Eigenheiten. Besonders Malu mochte ich sehr: ihre Offenheit, ihre panischen Reaktionen in Situationen, die sie überfordern, ihre manchmal tollpatschige, unbeholfene Art. Ihre Gedanken sind oft chaotisch, ehrlich und herrlich komisch.
Ein heimlicher Star ist die Nacktkatze der Familie: Bratto Pitto. Hässlich, fordernd und vollkommen egozentrisch und gerade deshalb unglaublich liebenswert. Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser Kater so ans Herz wachsen würde.
Auch wenn sich der Fokus im ersten Teil stark auf Atmosphäre, Figuren und Stadtbeschreibungen legt, wurde mir keine Sekunde langweilig. Yasmin Shakarami schreibt bildhaft, einnehmend und weckt eine große Neugier auf Japan. Gleichzeitig entwickeln sich langsam und glaubwürdig die Beziehungen. Besonders hervorheben möchte ich hier die zarte, unsichere Annäherung zwischen Malu und Kentaro, die von Neckereien, Missverständnissen und ehrlicher Unsicherheit geprägt ist und mir des Öfteren ein Schmunzeln auf die Lippen gezaubert hat.
In der zweiten Hälfte nimmt die Geschichte dann eine drastische Wendung. Ein Ereignis erschütterte nicht nur Tokio, sondern auch mich als Leserin. Dieser Twist kam unerwartet und hat der Geschichte noch einmal eine völlig andere Richtung verliehen.
Fazit:
„Tokioregen“ ist weit mehr als eine Geschichte über ein Austauschjahr oder eine erste Liebe.
Es ist ein Roman über Verlust, Neuanfang, Überforderung und das langsame Wiederfinden von Halt in der Fremde.
Yasmin Shakarami verbindet eine intensive Liebesgeschichte mit einer atmosphärisch dichten Liebeserklärung an Tokio und Japan.
Die lebendigen Figuren, die emotionale Tiefe und die eindringlichen Bilder machen dieses Buch zu einem besonderen Leseerlebnis.
Ein Roman, der berührt, verzaubert und lange im Herzen bleibt.
Buchzitate:
In dieser Stadt scheint jedes Atom vor Lebendigkeit zu platzen.
„Denk nicht an das, was euch trennt, sondern an all die Dinge, die euch miteinander verbinden. Nur dann kann dir dein Herz den Weg weisen.“
Kurzgefasst:
Spannung/Action:



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