Rezension zu Die Stadt der Blinden von José Saramago
Verlag: btb Seitenzahl: 400
Format: Taschenbuch
Preis: 10,99 Euro
ISBN: 978-3-442-74529-6
Übersetzer: Ray-Güde Mertin
Abgeschlossene Erzählung
Hinweis: Ich habe die im Rowohlt-Verlag erschiene und nun im Handel nicht mehr erhältliche Version des Buches gelesen. So sah das Cover meines Buches aus:
Inhalt:
Es geschieht an
einer Straßenkreuzung. Eines der Autos fährt bei Einsetzen der
Grünphase nicht los. Der Fahrer ist von einem Moment auf den
anderen erblindet. Der in Panik geratene Mann wird von einem anderen
Verkehrsteilnehmer nach Hause gebracht. Damit nimmt das Unglück
seinen Lauf. Alle Menschen, die mit dem Infizierten in Kontakt
kommen, erleiden kurze Zeit später ein ähnliches Schicksal. Das
Ministerium reagiert schnell, nachdem der ebenfalls erblindete
Augenarzt Meldung macht. Ein seit längerem stillgelegtes Irrenhaus
soll als Quarantänestation dienen. Die Regeln werden schnell gefasst
und dienen „dem Schutz der Allgemeinheit“.
Die Frau des
Augenarztes ist nicht erblindet, doch sie möchte ihren Mann nicht
hilflos seinem Schicksal überlassen. Kurzerhand behauptet sie
ebenfalls nichts mehr sehen zu können. Eingesperrt
mit Blinden und Infizierten versucht sie als Sehende nicht
aufzufallen. Sie hilft ihrem Mann so gut es geht und wird bald in den
Strudel
der Ereignisse
gezogen. Hunger und Durst und der Grad an Hoffnung(slosigkeit) und Verzweiflung
werden durch sie beleuchtet.
Die
Blinden sollen sich alleine organisieren. Jedem der die Flucht wagt
oder den wachhabenden Soldaten zu nahe kommt, wird nach kurzer
Verwarnung erschossen. Menschliche Bedürfnisse müssen befriedigt
werden. Ein Leben in einer Welt der Anarchie,
wo der Stärkere
gewinnt, und der Schwächere verliert.
Schreibstil:
José Saramagos Schreibstil ist
gewöhnungsbedürftig. Die wörtliche Rede wird in diesem Roman nicht
mit Anführungszeichen eingeleitet und abgeschlossen. Sätze werden
oft nicht mit einem Punkt beendet, sondern mit Kommas
aneinandergereiht. So kann ein Satz des Autors schon mal über gut
zwei Seiten gehen.
Beispiel: Mit den Händen vor sich
hertastend, ging er in den Flur, dann wandte er sich vorsichtig um,
richtete das Gesicht dorthin, wo er den anderen vermutete, Wie kann
ich Ihnen bloß danken, sagte er, Ich habe nur meine Pflicht getan,
erwiderte der barmherzige Samariter, Danken Sie mir nicht, und fügte
hinzu, …
Buchzitat S. 14
Auch werden in diesem Buch keine Namen
oder körperlichen Details wie Augen- oder Haarfarben definiert. Der
Leser begegnet hier einem Augenarzt, der Frau des Augenarztes, einer
Frau mit einer dunklen Brille. Dieser künstlerische Kniff des Autors
sorgt dennoch oder gerade deswegen dafür, dass man sehr detaillierte
Bilder von den Charakteren im Kopf hat.
Gerade zum Anfang des Romans wechseln
die Perspektiven der Darsteller oft. Später folgt man im
Wesentlichen der Frau des Arztes durch die Geschichte. An einigen
Stellen wird der Leser direkt in die Gedankengänge des Autors
einbezogen. Das geschieht in erster Linie dann, wenn José Saramago
das Handeln und die moralischen Beweggründe seiner Charaktere
hinterfragt.
Hat man sich als Leser erst einmal an
den Schreibstil des Autors gewöhnt, so erwartet einen hier eine sehr
fesselnde und spannende Geschichte.
Die Erblindeten werden allesamt aus
Bequemlichkeit und auch aus Angst der Regierung in ein stillgelegtes
Irrenhaus ausgelagert. Die Essenslieferungen werden in den Innenhof
zur Abholung gestellt, die Insassen werden insoweit überwacht, dass
keiner das Gelände verlassen darf.
Eventuelle Leichen müssen von den
Blinden selbst verbrannt werden. Bei Brandgefahr wird es keine Hilfe
von Außen geben. Die Insassen sind Gefangene, ganz auf sich alleine
gestellt. Sie sind mit der neuen Situation völlig überfordert. Ohne
Toilettenpapier, nicht in der Lage, die sanitären Einrichtungen zu
finden, keine Medikamente, um Verletzungen und Krankheiten zu heilen
und eingepfercht auf kleinstem Raum – denn es ziehen nach und nach
immer mehr Blinde in den Trakt ein. Es droht erst die Verwahrlosung
und letztlich geht es nur noch ums nackte Überleben. Denn die
Starken organisieren sich und die Schwachen müssen zahlen oder
sterben.
Dieser Roman ist nichts für
zartbesaitete Leser/innen. Die Charaktere werden an ihre körperlichen
und psychischen Grenzen getrieben. Man kann sich nur zu gut
vorstellen, wie es ist, wenn die Fußböden voller Exkremente sind,
wenn die sexuellen Bedürfnisse den ein oder anderen übermannen, es
keinerlei Kleidung zum Wechseln gibt und die körperlichen Gerüche
die Gänge füllen, so sehr, dass die Nase den Gestank schon kaum
noch ausmachen kann. Das Schlimmste an den verstörenden Bildern aber
ist wohl, dass das von José Saramago gezeichnete Szenario nicht
unglaubwürdig ist.
Fazit:
Auch
wenn "Die Stadt der Blinden" ein fiktiver Roman ist, so zeigt er doch
sehr realistisch auf, wozu Menschen fähig sind, wenn die Zivilisation
zusammenbricht. José
Saramagos Schreibstil, in Bezug auf die langen Sätze, mag anstrengend wirken, doch wer dem Buch
eine Chance gibt, wird schon bald in den Sog einer sehr verstörenden
Geschichte gezogen werden. Er wird die Protagonisten dabei
beobachten, wie sie unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben
müssen, er wird die Hilflosigkeit der Blindheit und der Situation
spüren und vielleicht merken, dass diese Geschichte gar nicht so
weit hergeholt ist, wie es ein fiktiver Roman vermuten lässt.
Die Stadt der
Blinden ist mit Recht ein Klassiker, der hochgelobt wurde und den man
gelesen haben sollte.
Buchzitate:
Es gibt viele Arten zum Tier
zu werden, dachte er, das ist nur der Anfang.
Kurzgefasst:
Spannung/Action:
Charaktere:
Handlungsstrang:
Schreibstil:
Im Gesamtpaket:
