Mittwoch, 3. Juni 2020

Durchgelesen: Der bittere Trost der Lüge

Rezension zu Der bittere Trost der Lüge von Tiffany D. Jackson


Verlag: Festa (Werbung gem. TMG)
Seitenzahl: 448
Format: Hardcover, mit Leseband, gebunden in der Festa-Lederoptik
Preis: 22,99 Euro
Übersetzer: Claudia Rapp
ISBN: 978-3-86552-829-2
Abgeschlossene Erzählung








Inhalt:


Die mutmaßliche Babymörderin Mary wurde im Alter von neun Jahren zu sechs Jahren Haft verurteilt. Ihr wurde vorgeworfen, das Baby einer Bekannten ihrer Mutter misshandelt und getötet zu haben. Mittlerweile ist sie Teil eines Jugendhilfeprojekts, bei dem straffällige und gewaltbereite Jugendliche resozialisiert werden. Sie trägt eine Fußfessel und darf das Haus gelegentlich verlassen. In der Woche leistet sie fünfundzwanzig Sozialstunden in einem Pflegeheim ab. Dort trifft Mary auf Ted, einem Probanden auf Bewährung, der zu ihrem einzigen Fixpunkt im Leben werden wird. Ted bietet Beistand und Zuflucht. Er versucht nicht, hinter ihre Geheimnisse zu blicken.

In der Wohngruppe hat man sich bis auf Beschimpfungen, Spott und Häme hingegen nichts zu sagen. Prügel und Mobbing gehören zum Alltag. In ihrer generellen Überforderung ziehen sich die Betreuerinnen aus jedem Ärger zurück.

Der Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird endgültig zum Spießrutenlauf, als Mary erfährt, dass sie schwanger ist. Eine Kindsmörderin darf ihr Baby nicht behalten. Sie muss es abtreiben oder nach der Geburt zur Adoption freigeben. Doch Mary möchte nichts lieber, als „die Bohne“, wie sie den Fötus liebevoll nennt, zu behalten. Sie möchte mit ihm und Ted eine Zukunft aufbauen.



Meinung:


Mit „Der bittere Trost der Lüge“, ist das zweite Buch in der neuen All-Age-Sparte des Festaverlages erschienen. Das Buch ist ein Mix aus authentischem Coming-of-Age-Sozialdrama und Milieustudie.

Beginnen wir mit der Protagonistin Mary. Mit fünfzehn Jahren hat das Mädchen ihre Strafe abgesessen. Jeden Tag denkt sie an das, was damals passiert ist. Jede Nacht plagen Mary Albträume. Wenn Mary ihre kurze Jugend resümiert, gibt es nur wenige schöne Erinnerungen. Ihr Stiefvater hat sie jahrelang missbraucht, ihre Mutter ist psychisch erkrankt. Gewalttätigkeit, Putzzwänge, Depressionen, all das lässt sich nur leidlich mit Tabletten eindämmen. Auch an einem normalen Tag wirkt die Mutter überdreht und nicht in der Lage sich mit Problemen auseinanderzusetzen.

Marys Mutter ist kein leichter Charakter. Zwar besucht sie ihr Kind unregelmäßig, und damit zeigt sie sich im Vergleich zu den Müttern der anderen Mitbewohnerinnen der Wohngruppe sogar noch relativ fürsorglich, doch während ihrer Besuche verhält sie sich distanziert. Sie spricht von ihrem nunmehr perfekten Leben, berichtet von ihrem neuen Ehemann, einem reichen Diakon. Sobald Marys Sorgen durchklingen, blockt sie ab. Marys Mutter ist eine scheinheilige Kirchgängerin, die sich als Unsympathin vor dem Herren präsentiert.

Marys Leben war nie ein mit Rosenblättern bedeckter Weg gewesen; die geraubte Kindheit, die lebenslange Scham. Schon früh musste sie lernen, dass sich niemand um sie kümmert, stattdessen musste sie selbst alles tun, um für die Mutter zu sorgen.

Das Buch schafft es, mit dieser realistisch wirkenden Protagonisten zu einer spannenden Charakterstudie zu werden. Die Autorin zeigt ein tiefergreifendes Interesse an der Psyche von Tätern und ihren Opfern sowie an den darin begründeten Ursachen sowie den schwerwiegenden Folgen.

Die Figuren des Buches begegnen sich fast ausschließlich in existenziellen Situationen. Das Buch ist Thriller und Moralstücke in einem. Jenseits von Schwarz und Weiß.

Obwohl Ermittlungen oder verzwickte Handlungen nicht die Hauptrolle spielen, zeichnet die Erzählung eine unglaubliche Spannung aus. Hauptsächlich liegt das an der Genauigkeit, mit der soziale Kontexte der Figuren und ihres Umfeldes mitgeteilt werden.



Fazit:


Tiffany D. Jackson schreibt mit, „Der bittere Trost der Lüge“ ein düsteres Meisterwerk, das Genregrenzen überwindet und eine präzise Charakterstudie darstellt.
Freilich bekommt der Leser nichts geschenkt. Es wird ihm einiges abverlangt: Eine Tour de Force durch ein Dickicht einer beängstigenden Familiendramatik.

Frei von Sentimentalität und Moralisierung legt Tiffany D. Jackson ein Brennglas über das Leben wirklich gestrafter Menschen. Nie nimmt sie ihre Leser bei der Hand und führt sie behutsam und mit direkten Verweisen unterstützend auf die „richtige Spur“. Vielmehr muss - ähnlich wie im wahren Leben - der Leser auch hier selbst über das Geschehen urteilen.

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht lesenswert.



Kurzgefasst:


Spannung/Action:



Anspruch:



Charaktere:



Handlungsstrang:



Schreibstil:



Im Gesamtpaket:



Kommentare:

  1. Hu ... das hört sich nach ganz schön hartem Tobak an. So ein Leben möchte von niemand führen.
    Ich vermute: ein sehr spannendes Buch.
    GLG Sigrid

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    1. Hallo liebe Sigrid,
      mit harter Tobak hast du das Buch gut umschrieben :o) Nein, so ein Leben möchte wohl niemand führen. Mary hatte so etwas wie eine Jugend ja eigentlich nie. Die Geschichte ist sehr realistisch erzählt und auch sehr spannend. Sie regt aber vor allem sehr zum Nachdenken an.

      Ganz liebe Grüße
      Tanja

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  2. Hallo liebe Tanja:)
    wow das Buch hört sich absolut genial an. Besonders Dein Fazit hat meine Neugier geweckt :) Kommt gleich auf meine Wuli. Danke für den Tipp.
    Liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende
    Andrea ♥

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    1. Hallo liebe Andrea,
      ich bin auch total begeistert von meinem ersten Buch aus der neuen Festa-All-Age-Sparte. Ich bin sehr gespannt, welche Titel da noch folgen werden. Ich freue mich, dass du das Buch auf die Wunschliste gesetzt hast. Solltest du es lesen, lass mich unbedingt deine Meinung dazu wissen.

      Ganz liebe Grüße
      Tanja

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  3. Hallo liebe Tanja

    Wie du weißt, habe ich das Buch bei dir auf Instagram entdeckt. Mir ging es wie dir. Die Autorin hat wirklich kaum, (bis gar nicht) Emotionen in ihre Schreibe gesteckt. Dennoch arbeitet beim Lesen das Kopfkino. Nonstop! Die Emotionen entwickelt man automatisch beim Lesen selber. Ein ganz tolle Besprechung von dir, die ich gerne bei meiner verlinke. Danke für den Tipp!

    Liebe Grüße,
    Gisela

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    1. Hallo liebe Gisela,
      ich freue mich immer noch so sehr, dass dir das Buch so gut gefallen hat. Es gab einige Punkte in der Geschichte, die stark zum Nachdenken angeregt haben. Die Autorin hat nicht den moralischen Zeigefinger erhoben und dennoch kommt man als Leser immer wieder in die Versuchung sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das fand ich unglaublich spannend zu beobachten.

      Deine Rezension werde ich mir gleich ansehen. Vielen Dank, für die Verlinkung <3

      Ganz liebe Grüße
      Tanja

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  4. Hör auf so gute Rezensionen zu schreiben, ich kauf es mir ja schon *brummel*

    Frühlingshafte Grüße
    Vivka

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    1. Huhu Vivka,
      ich nehme das mal als Lob :o) Ich freue mich ja, trotz "brummeln", dass du das Buch lesen willst. Lass es mich unbedingt wissen, wenn so weit ist. Wir müssen dann ausführlich darüber sprechen! :o)

      Ganz liebe Grüße
      Tanja

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  5. Hallo liebe Tanja,

    deine Rezi macht mich schon irgendwie neugierig und doch bin ich noch unentschlossen, was das Buch angeht. Tanja ist von diesem Buch ja auch richtig begeistert. Oh menno, ihr macht es mir echt schwer, nein zu sagen *grins*

    Ich werde berichten, ob es eingezogen ist ;)

    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. Hallo lieber Uwe,
      ich bin gespannt, ob du schwach wirst. Wenn du Lektüre suchst, die zum Nachdenken anregt und bei der die Geschichte einen emotional aufrührt, ich denke, dann bist du hier genau richtig. Halt mich unbedingt auf dem Laufenden :o))))))))))

      Ganz liebe Grüße
      Tanja

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  6. Hi liebe Andrea,

    das Buch hört sich nach richtig hartem Tobak an und zeigt glaube ich viele ungeschönte Wahrheiten auf. Ich finde so was sehr faszinierend, ich muss aber gestehen, dass ich selbst etwas leichtere Lektüre bevorzuge. Ich leide dann doch immer sehr mit den Protagonisten mit und kann mich immer schlecht distanzieren. Hast du das auch so empfunden?

    Liebe Grüße
    Desiree

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    1. Hallo liebe Desiree,
      ich lese ja gerne mal Geschichten, die sehr realistisch wirken und auch schwierige Themen aufgreifen. Dieses Buch ist keine leichte Kost. Aber es ist auch verdammt gut geschrieben und regt stark zum Nachdenken an.

      Ganz liebe Grüße
      Tanja

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