Mittwoch, 8. März 2017

Durchgelesen

Rezension zu Die Stadt der Blinden von José Saramago



Verlag: btb
Seitenzahl: 400
Format: Taschenbuch
Preis: 10,99 Euro
ISBN: 978-3-442-74529-6
Übersetzer: Ray-Güde Mertin
Abgeschlossene Erzählung











Hinweis: Ich habe die im Rowohlt-Verlag erschiene und nun im Handel nicht mehr erhältliche Version des Buches gelesen. So sah das Cover meines Buches aus: 



Inhalt:

Es geschieht an einer Straßenkreuzung. Eines der Autos fährt bei Einsetzen der Grünphase nicht los. Der Fahrer ist von einem Moment auf den anderen erblindet. Der in Panik geratene Mann wird von einem anderen Verkehrsteilnehmer nach Hause gebracht. Damit nimmt das Unglück seinen Lauf. Alle Menschen, die mit dem Infizierten in Kontakt kommen, erleiden kurze Zeit später ein ähnliches Schicksal. Das Ministerium reagiert schnell, nachdem der ebenfalls erblindete Augenarzt Meldung macht. Ein seit längerem stillgelegtes Irrenhaus soll als Quarantänestation dienen. Die Regeln werden schnell gefasst und dienen „dem Schutz der Allgemeinheit“.
Die Frau des Augenarztes ist nicht erblindet, doch sie möchte ihren Mann nicht hilflos seinem Schicksal überlassen. Kurzerhand behauptet sie ebenfalls nichts mehr sehen zu können. Eingesperrt mit Blinden und Infizierten versucht sie als Sehende nicht aufzufallen. Sie hilft ihrem Mann so gut es geht und wird bald in den Strudel der Ereignisse gezogen. Hunger und Durst und der Grad an Hoffnung(slosigkeit) und Verzweiflung werden durch sie beleuchtet.
Die Blinden sollen sich alleine organisieren. Jedem der die Flucht wagt oder den wachhabenden Soldaten zu nahe kommt, wird nach kurzer Verwarnung erschossen. Menschliche Bedürfnisse müssen befriedigt werden. Ein Leben in einer Welt der Anarchie, wo der Stärkere gewinnt, und der Schwächere verliert.



Schreibstil:

José Saramagos Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig. Die wörtliche Rede wird in diesem Roman nicht mit Anführungszeichen eingeleitet und abgeschlossen. Sätze werden oft nicht mit einem Punkt beendet, sondern mit Kommas aneinandergereiht. So kann ein Satz des Autors schon mal über gut zwei Seiten gehen.

Beispiel: Mit den Händen vor sich hertastend, ging er in den Flur, dann wandte er sich vorsichtig um, richtete das Gesicht dorthin, wo er den anderen vermutete, Wie kann ich Ihnen bloß danken, sagte er, Ich habe nur meine Pflicht getan, erwiderte der barmherzige Samariter, Danken Sie mir nicht, und fügte hinzu, …



Buchzitat S. 14

Auch werden in diesem Buch keine Namen oder körperlichen Details wie Augen- oder Haarfarben definiert. Der Leser begegnet hier einem Augenarzt, der Frau des Augenarztes, einer Frau mit einer dunklen Brille. Dieser künstlerische Kniff des Autors sorgt dennoch oder gerade deswegen dafür, dass man sehr detaillierte Bilder von den Charakteren im Kopf hat.

Gerade zum Anfang des Romans wechseln die Perspektiven der Darsteller oft. Später folgt man im Wesentlichen der Frau des Arztes durch die Geschichte. An einigen Stellen wird der Leser direkt in die Gedankengänge des Autors einbezogen. Das geschieht in erster Linie dann, wenn José Saramago das Handeln und die moralischen Beweggründe seiner Charaktere hinterfragt.

Hat man sich als Leser erst einmal an den Schreibstil des Autors gewöhnt, so erwartet einen hier eine sehr fesselnde und spannende Geschichte.

Die Erblindeten werden allesamt aus Bequemlichkeit und auch aus Angst der Regierung in ein stillgelegtes Irrenhaus ausgelagert. Die Essenslieferungen werden in den Innenhof zur Abholung gestellt, die Insassen werden insoweit überwacht, dass keiner das Gelände verlassen darf.
Eventuelle Leichen müssen von den Blinden selbst verbrannt werden. Bei Brandgefahr wird es keine Hilfe von Außen geben. Die Insassen sind Gefangene, ganz auf sich alleine gestellt. Sie sind mit der neuen Situation völlig überfordert. Ohne Toilettenpapier, nicht in der Lage, die sanitären Einrichtungen zu finden, keine Medikamente, um Verletzungen und Krankheiten zu heilen und eingepfercht auf kleinstem Raum – denn es ziehen nach und nach immer mehr Blinde in den Trakt ein. Es droht erst die Verwahrlosung und letztlich geht es nur noch ums nackte Überleben. Denn die Starken organisieren sich und die Schwachen müssen zahlen oder sterben.

Dieser Roman ist nichts für zartbesaitete Leser/innen. Die Charaktere werden an ihre körperlichen und psychischen Grenzen getrieben. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie es ist, wenn die Fußböden voller Exkremente sind, wenn die sexuellen Bedürfnisse den ein oder anderen übermannen, es keinerlei Kleidung zum Wechseln gibt und die körperlichen Gerüche die Gänge füllen, so sehr, dass die Nase den Gestank schon kaum noch ausmachen kann. Das Schlimmste an den verstörenden Bildern aber ist wohl, dass das von José Saramago gezeichnete Szenario nicht  unglaubwürdig ist.



Fazit:

Auch wenn "Die Stadt der Blinden" ein fiktiver Roman ist, so zeigt er doch sehr realistisch auf, wozu Menschen fähig sind, wenn die Zivilisation zusammenbricht. José Saramagos Schreibstil, in Bezug auf die langen Sätze, mag anstrengend wirken, doch wer dem Buch eine Chance gibt, wird schon bald in den Sog einer sehr verstörenden Geschichte gezogen werden. Er wird die Protagonisten dabei beobachten, wie sie unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen, er wird die Hilflosigkeit der Blindheit und der Situation spüren und vielleicht merken, dass diese Geschichte gar nicht so weit hergeholt ist, wie es ein fiktiver Roman vermuten lässt.

Die Stadt der Blinden ist mit Recht ein Klassiker, der hochgelobt wurde und den man gelesen haben sollte.



Buchzitate:

Es gibt viele Arten zum Tier zu werden, dachte er, das ist nur der Anfang.



Kurzgefasst:

Spannung/Action:






Charaktere:






Handlungsstrang:






Schreibstil:






Im Gesamtpaket:


Kommentare:

  1. Krass!
    Guten Morgen, liebe Tanja, :)
    Ich sitze hier grad mit offenem Mund. WOW. Also ich sag gleich, ich gehör zu den zartbesaiteten Leserinnen. *lol* Lesen wollte ich es daher nicht, aber *holla* Was für eine tolle Idee! Ich brenne jetzt natürlich darauf, zu wissen, wie es ausgeht. Magst Du mir das verraten? LillySjoeberg[at]kaffeeschluerfer.com
    Ich würde mich total freuen.

    Schon krass, zu was die Leute immer wieder fähig sind, nicht? Eigentlich glaube ich ja prinzipiell an das Gute im Menschen. Frage mich bei solchen Geschichten in der letzten Zeit aber immer öfter, ob der Mensch nicht doch von Grund auf Schlecht ist und etwas dafür tun muss, das Gute in sich zu pflegen? Habe gerade letztens eine kurze Geschichte gelesen, in dem ein Großvater seinem Enkel erzählt, dass in jedem ein schwarzer und ein weißer Wolf wohnen, die gegeneinander kämpfen. Der Enkel fragt, welcher Wolf gewinnt. Da antwortet der Großwvater:"Der Wolf, den du fütterst." Das hat mir gut gefallen.

    Kennst Du "Blackout" vnon Marc Elsberg? Das hat mich ein bisschen daran erinnert.

    Ich wünsche Dir einen schönen Tag!
    Liebe Grüße
    Lilly

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    1. Hallo Lilly,
      ich muss ja sagen, dass ich gerne eine Warnung ausspreche, wenn mich der Inhalt zu schockieren wusste. Oftmals bin ich aber doch überrascht, wie viele jüngere Leser so gar keinen Kommentar über Brutalität oder ähnliches verlieren und das Buch einfach gut fanden. Erst kürzlich bei Angelfall habe ich gedacht: Hui, da gehts aber schon zur Sache. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht die bin, die etwas zartbesaitet ist ;o)

      Es gibt eine richtig gute Verfilmung zu Die Stadt der Blinden. Den Film habe ich damals gesehen und seitdem wollte ich gerne das Buch lesen. Der Film hat den Vorteil, dass der etwas anstrengende Schreibstil natürlich nicht ins Gewicht fällt. Aber dafür bin ich der Meinung, dass eine Szenen im Buch vorkamen, die der Film nicht gezeigt hat. Allerdings ist es nun auch schon länger her, dass ich den Film gesehen habe. Möchtest du den nicht vielleicht noch sehen? Wenn nicht, spoiler ich dich natürlich gerne in einer Email. Aber ich möchte auf jeden Fall vorher gefragt haben :o)

      Der Spruch, den du da aufführst, ist sehr weise. Ich habe sehr lange Zeit nur an das Gute im Menschen geglaubt. Oft wurde mir gesagt, dass ich zu naiv bin und ich musste auch ein paar Mal stark auf die Nase fallen, um zu begreifen, dass es solche und solche Menschen gibt. Ich denke aber, man sollte niemanden in eine Schublade stecken. Auf jeden Fall gibt es auch viele Menschen, die sehr gutherzig sind. Ich denke es ist wirklich so, dass man sich bewusst dafür entscheiden sollte, wie man in der jeweiligen Situation handelt. Man sollte auch sein Handeln gelegentlich einmal hinterfragen. Ich denke das Thema menschliche Psychologie ist nicht mit wenigen Worten abgeharkt.
      Jeder Mensch hat andere Motivationen. Der eine handelt vielleicht "böse", weil ihm selbst schlechtes zugestoßen ist, der andere handelt "böse", weil ihm nur seine eigenen Ziele wichtig sind oder ihm die Empathie fehlt und dann mag es noch die geben, den es gar nicht auffällt, dass sie anderen Menschen mit ihrem Handeln/Worten wehtun.

      In diesem Buch hätte man meines Erachtens auch noch mehrere Schichten anspielen können. Hier gibt es in erster Linie "die Guten" und die, die die Situation ausnutzen um ihre Vorteile draus zu ziehen. Und dann gibt es noch die "Nichtinfizierten", die Angst haben sich anzustecken.

      Blackout von Marc Elsberg sagt mir nichts. Ich habe mir gerade den Klappentext durchgelesen. Das hört sich wirklich sehr so an, als wenn es in die gleiche Richtung geht. Da wäre die Umsetzung natürlich auch mal sehr interessant. Hast du es gelesen?

      Ich wünsche auch dir ein wundervolles Wochenende.
      Ganz liebe Grüße
      Tanja :o)

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    2. Liebe Tanja,

      Mich wundert es auch oft, wie jüngere Leser mit der Brutalität umgehen. Weiß aber auch von mir, dass es mir mit 16 nichts ausgemacht hat. Ich habe da Filme geschaut und Bücher gelesen, die ich heute nicht mehr anrühren würde. ^^ Vielleicht ist es einem, wenn man älter ist, doch bewusster, dass es solche Irren da draußen wirklich gibt und sie sich nicht scheuen, so grausam zu sein? Ich weiß es nicht.

      Nein, den Film werde ich nicht schauen. Ich schau ja generell nicht so gerne Filme.Daher darfst Du mich sehr gerne spoilern. :)

      Weißt Du, auch wenn mich dadurch manche für naiv halten würden, ich möchte nicht durch die Welt laufen und denken, alle Menschen sind schlecht. Ja, vielleicht mach ich dadurch auch mal schlechte Erfahrungen, aber eben auch jede Menge positive!

      Ja, ich habe Blackout gelesen und es hat mir sehr, sehr gut gefallen. Interessant an dem Buch ist auch, dass einem mal bewusst wird, für was wir alles Strom brauchen. Ohne Strom gibt es zb kein Wasser, weil die Pumpen das Wasser nicht hochdrücken können. Oder es gibt keine Lebensmittel mehr. Benzin gibt es auch nicht mehr. Die gleiche Geschichte wie mit dem Wasser.
      Interessant ist auch, wie die Stromnetze in Europa verbunden sind.

      Ich wünsche Dir noch einen schönen Sonntag!
      Liebe Grüße
      Lilly

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    3. Hallo Lilly,
      ich war ja auch damals schon ein kleiner Angsthase. Gruselfilme habe ich so gar nicht gut verkraftet. Das läuft heutzutage besser bei mir. ;o)

      Ich denke es ist eine sehr weise Einstellung von dir, dass du versuchst nicht alles nur durch eine dunkle Brille zu sehen. Man muss sich auch ein wenig Vertrauen und Zuversicht bewahren, sonst wird man irgendwann auch sehr schnell unglücklich/verbittert. Schlechte Erfahrungen kann man leider nicht gänzlich vermeiden. Wie heißt es so schön: "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt." Wenn man niemandem mehr traut, dann lernt man auch niemanden mehr wirklich kennen. Dann lebt man zwar sicher, aber eben auch sehr einsam.

      Blackout hört sich wirklich sehr interessant an. Ich kann sehr gut verstehen, warum du das Buch so gerne gelesen hast und warum es noch so bei dir nachwirkt.

      Ganz liebe Grüße
      Tanja :o)

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